Chemnitz, 23. November 2017

5. Sächsische Nachhaltigkeitskonferenz

5. Sächsische Nachhaltigkeitskonferenz mit der Verleihung der H.-C.-v.-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreise im Opernhaus Chemnitz


Neben der Verleihung des Carlowitz-Preises in den Kategorien National und International war die diesjährige Sächsische Nachhaltigkeitskonferenz auf die Erarbeitung von Vorschlägen für die Fortschreibung der sächsischen Nachhaltigkeitsstrategie ausgerichtet, die aktuell bei der Landesregierung in Arbeit ist.

„Wirtschaftlichkeit, Humanität und Umweltgerechtigkeit bedingen sich gegenseitig und werden erst über das gelebte Prinzip der Nachhaltigkeit ermöglicht“, betonte Herr Dr. oec. Habil. Dieter Füsslein, Vorstandsvorsitzender der Sächsischen Hans-Carl-von-Carlowitz-Gesellschaft in seiner Eröffnungsrede auf der 5. Sächsischen Nachhaltigkeitskonferenz im Opernhaus Chemnitz. Die bereits sichtbaren Folgen des Klimawandels, irreversible Schädigungen des Ökosystems unseres Planeten sowie die zunehmenden weltweiten Einkommens- und sozialen Ungleichgewichte mit einhergehenden Flüchtlingsströmen erforderten nicht nur ein Umdenken der Gesellschaft, sondern auch ein unverzügliches Handeln auf allen Ebenen.

Seit der Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems mit Beginn des 16. Jahrhunderts konnte die Menschheit große technologische Fortschritte erzielen. Diese trugen u. a. zu einem Anstieg der Weltbevölkerung von rund 0,5 auf bis heute 7,5 Mrd. bei – eine Anzahl, die den gegenwärtigen Lebensstil der Industrienationen nicht länger beliebig fortschreiben lässt. Das Prinzip der Nachhaltigkeit wurde Anfang des 18. Jahrhundert erstmalig von Hans Carl von Carlowitz in seinem Werk über die Forstwirtschaft geprägt und meint einen respektvollen und „pfleglichen“ Umgang mit der Natur und ihren Rohstoffen, damit diese auch nachfolgenden Generationen als Lebensgrundlage zur Verfügung steht. Bereits zur Zeit Hans Carls von Carlowitz wurde der auf kurzfristigen Gewinn ausgelegte Raubbau der Wälder kritisiert. Heute werde der Begriff der Nachhaltigkeit inflationär gebraucht oder im Falle des „nachhaltigen Wirtschaftswachstums“ sogar missbraucht, da angesichts begrenzter Ressourcen und des anhaltenden Bevölkerungswachstums eben genau dies nicht realisierbar sei.

Den Carlowitz-Preis in der Kategorie National erhielt Prof. Hans Joachim Schellnhuber - Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Professor für Theoretische Physik an der Universität Potsdam, Senior Research Fellow am Stockholm Resilience Centre und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Der Preisträger demonstrierte eindrucksvoll anhand der mathematisch-physikalisch fundierten Faktenlage, dass die Existenzgrundlage des Menschen bis Ende dieses Jahrhunderts verloren gehen werde, wenn am globalen Wirtschaftssystem auf Basis fossiler Energieträger und alleiniger Ausrichtung auf Gewinnmaximierung festgehalten würde. Die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5-2 Grad Celcius sei unabdingbar, um die Lebensgrundlage des Menschen – bereits in der gegenwärtigen Generation - nicht zu gefährden.

„Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt – sondern von unseren Kindern geliehen“ zitierte der Preisträger der Kategorie International, Prof. Alberto Acosta aus Ecuador, eine von indigenen Völkern überlieferte Weisheit. Die Laudatio hielt Christian Felber, Begründer der Gemeinwohlökonomiebewegung, welcher sich Prof. Acosta jüngst angeschlossen hat. Mit dem von Prof. Acosta entwickelten und in Ecuaduor verfassungsseitig verankerten Prinzips des „Buon Vivir“ (Recht auf ein gutes Leben) werden erstmalig auch der Natur als Rechtssubjekt Schutzrechte zugeschrieben. Hiernach lebe der Mensch nach dem Prinzip der Harmonie im Gleichgewicht mit sich selbst, in Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen und im Einklang mit der Natur. Statt Konsum zur Religion zu verkehren und Natur in fragmentierter Form in Güter und Dienstleistungen umzuwandeln, werde das Lebensglück in Ecuador aus Gemeinschaftssinn, Kooperation, Vertrauen, Solidarität und Gemeinwohl als ethische Leitbilder generiert. Soziale Gerechtigkeit sei dabei nur durch ökologische Gerechtigkeit zu erreichen, da demokratische Systeme erfahrungsgemäß zerbrechen würden, wenn die Natur zerstört wird. Unabhängig von der ökonomischen Nützlichkeit würden nach diesem Prinzip alle Lebensformen grundlegend geschützt. Der konsumorientierte Mensch habe die Tugenden der Genügsamkeit und des Maßhaltens verlernt. „Die Welt bietet genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“, mahnte Prof. Acosta und forderte dazu auf, „ein erfülltes anstelle eines gefüllten Lebens“ anzustreben, wobei „das Erdöl in der Erde verbleiben“ sollte. Für die Umsetzung einer globalen ökologischen Wende seien aus Sicht von Prof. Acosta, neben visionärem Denken, neue Leitlinien für das Zusammenleben sowie eine sozial gerechte Umverteilung des Kapitals erforderlich.

Wie konkrete und alltagstaugliche Maßnahmen zu einer nachhaltigeren Lebensweise in der Praxis aussehen können, präsentierte Michael Kopatz (Wuppertal-Institut und Autor des Buches "Ökoroutine - Damit wir tun, was wir für richtig halten") in einem weiteren anschaulichen Vortrag im Anschluss an die Preisverleihung. Schädliche Subventionen wie die Pendlerpauschale könnten beispielsweise in die Finanzierung eines deutschlandweit kostenfreien Nahverkehrs umgeleitet, das Null-Energiehaus zum Standard erhoben oder Parkplatzrückbau in Städten betrieben werden. Politische Vorgaben spielten eine erhebliche Rolle bei der Anerziehung neuer „Ökoroutinen“, so Kopatz. Auch im Marketing würden medial nach wie vor Fehlanreize gesetzt, so dass die akute Gefährdungslage für Gesundheit und Existenz von Mensch und Natur im Alltag häufig verdrängt werde. Die für das 2-Grad-Ziel erforderliche Zielvorgabe von einem jährlichen CO2-Ausstoß von 1,5 t pro Person werde in Deutschland aktuell um knapp das Vierfache überschritten.

Schließlich wurden aktuelle Herausforderungen in Sachsen aufgegriffen und in drei Workshops in den Themenbereichen Nachhaltige Stadtentwicklung, Ernährung und Landwirtschaft sowie Nachhaltiges Wirtschaften diskutiert und gemeinsam Empfehlungen für Politik und Landesregierung erarbeitet. Zielstellung der Veranstaltung war es, Nachhaltigkeit konsequenter als Verantwortungsprinzip und Kompass für das Handeln auf allen Ebenen zur Anwendung zu bringen.

Link Empfehlungen:
https://www.oekoroutine.de/
Berliner Klimagipfel: Was ist gerecht? Hans Joachim Schellnhuber und Reiner Hoffmann im Gespräch
https://www.youtube.com/watch?v=gNgUQS9sGhw